Besiedlung und Bevölkerung

In romantischen Vorstellungen gilt die Arktis als unbesiedelter und erst kürzlich vom Menschen eroberter, jungfräulicher Teil der Erde. Tatsächlich ist der größere Teil der arktischen Landmassen seit Jahrtausenden durch verschiedene Naturvölker dünn besiedelt, in Nordsibirien, Nordalaska und Nordkanada teilweise sogar durchgehend wesentlich länger, als große Teile Mitteleuropas, da letztere bis vor etwa 15000 Jahren zu erheblichen Teilen von unbewohnbaren eiszeitlichen Gletschern bedeckt waren, während Nordsibirien und weite Teile des nördlichsten Amerikas größtenteils die ganzen quartären Eiszeiten hindurch zu trocken für die Bildung von großflächigen Vereisungen waren. Dort lebten daher seit bis zu Jahrzehntausenden jagende Steinzeitvölker, die teilweise von hier aus während der letzten Eiszeit über die damals trocken liegende Beringstraße westwärts ab vor wohl etwa 30000 Jahren in den ebenfalls großteils eisfreien höchsten Norden Amerikas einwanderten und schließlich vor etwa 4500 Jahren erstmalig auch Grönland besiedelten, auch dort zuerst den höchsten Norden. Insofern haben vermutlich nur sehr abgelegene arktische Inseln keine steinzeitliche Besiedlung erlebt.

Nach der letzten Eiszeit herrschte zunächst für Jahrtausende überwiegend ein sehr mildes Klima, das die Gletscher der Arktis deutlich weiter zurückweichen ließ, als deren heutige Ausdehnung, die großteils erst das Ergebnis der sogenannten "Kleinen Eiszeit" ist, die erst während des Mittelalters einsetzte und um 1850 mit einem Maximum der Eisausdehnung endete.
Die während und nach der letzten richtigen Eiszeit vordringenden Urvölker trugen als Jäger zunächst wie überall auf der Welt vermutlich wesentlich zum Aussterben etlicher eiszeitlicher großer Säugetierarten bei (siehe “Tier- und Pflanzenwelt?) bei, und sorgten damit für eine erste unumkehrbare menschliche Veränderung der arktischen Natur, bevor sie an ihre Umwelt angepaßte Lebensweisen entwickelten, die dann diesen Völkern über Jahrtausende eine nachhaltigere Nutzung der natürlichen Ressourcen erlaubten. Dieses überlebensnotwendige Gleichgewicht der arktischen Naturvölker mit ihrer Umgebung geriet erst durch die schlagartige Einführung neuer Technologien (Schußwaffen, Motorboote) und kulturelle Umbrüche in der Neuzeit teilweise wieder durcheinander.
Die letzte Einwanderungswelle in der heutigen Arktis (nach möglichen Erkundungsfahrten schon in der Antike) ging dann von Europa aus, mit unklaren und sehr bescheidenen Anfängen eventuell schon ab dem 6. Jahrhundert (von Irland über Island möglicherweise bis Grönland oder gar Kanada, von Nordnorwegen nach Osten), gefolgt von den Wikingern, unterstützt von den damals wärmeren Klimabedingungen, die selbst in Grönland einfachen Ackerbau erlaubten. Mit der einsetzenden Kleinen Eiszeit gingen diese frühen europäischen arktischen Vorposten zuletzt auch in Grönland unter und gerieten in Vergessenheit.

Es folgten insbesondere ab dem 16. Jahrhundert systematischere Entdeckungsfahrten in die Arktis aus mitteleuropäischen Ländern, denen dann bald auch die wirtschaftliche Nutzung insbesondere durch Walfang in großem Maßstab folgte, der eine weitere Veränderung der arktischen Ökologie insbesondere in den Randbereichen des Nordatlantiks mit sich brachte.
Insofern ist die auf den ersten Blick unberührte arktische Natur bereits seit der Altsteinzeit deutlichen menschlichen Veränderungen großräumiger arktischer Ökosysteme unterworfen. Hinzu kommen in den letzten hundert Jahren eine teils dramatische Überfischung, sowie die weltweite Verschmutzung von Meeren und Atmosphäre und der Ausstoß von Treibhausgasen als die wesentlichsten aktuellen menschlichen Eingriffe in den Polargebieten hinzu kommen, die ganz überwiegend nicht dort, sondern in den menschlichen Ballungsräumen ihren Ausgangspunkt haben.

Während die ursprüngliche Besiedlung der nahezu gesamten Arktis eine jahrzehntausende dauernde steinzeitlich-asiatische, von Nordsibirien während der letzten Eiszeit ausgehende, war, überlagerte die neuzeitliche, von Europa direkt bzw. indirekt (via Amerika) ausgehende letzte und fortdauernde Siedlungswelle in der Arktis deren gesamten Raum im Laufe von nur etwa 400 Jahren. Insbesondere bei voranschreitender Klimaerwärmung ist davon auszugehen, dass diese aktuelle Besiedlungswelle sich fortsetzen wird, während gleichzeitig der Naturraum Arktis gemäß der klimatisch-botanischen Definitionen bei einer Erwärmung unvermeidlich kleiner wird, indem sowohl natürliches Waldwachstum wieder (wie schon im nacheiszeitlichen Alleröd und Atlantikum) nach Norden vorstößt, als auch in Zukunft wohl der menschliche Ackerbau und die Rohstoffgewinnung.

Oder löst ein in den Klimamodellen bisher nicht richtig berücksichtigter Faktor oder ein Zufallsereignis stattdessen demnächst eine sicherlich mindestens ebenso problematische neue Eiszeit aus, die aus erdgeschichtlicher Sicht "demnächst" auch wieder kommen sollte ?


Letzte Änderung: 01.04.2010