Besonderheiten arktischer Natur

Extreme Lichtverhältnisse
Der größte Teil der Arktis liegt nördlich des nördlichen Polarkreises oder knapp südlich davon, was zu extremen Lichtverhältnissen führt: sehr viel Lichtstunden (wenn auch mit selbst mittags tiefer stehender Sonne) im Sommer, mit einzelnen Tagen knapp nördlich des Polarkreises bis hin zu rund 6 Monaten (Nordpol), in denen die Sonne permanent rund um die Uhr über dem Horizont bleibt oder zumindest (knapp südlich des Polarkreises) selbst um Mitternacht zumindest helle Dämmerung herrscht. Insbesondere in hocharktischen Gebieten wie etwa Spitzbergen, Nordgrönland, dem Norden von Nunavut oder den nördlichsten russischen Inseln gibt es im Hochsommer praktisch keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht, was dem Reisenden die große arktische Freiheit beliebiger Zeiteinteilung ermöglicht. Demgegenüber steht die Polarnacht, in der die Sonne nie über den Horizont kommt. In den südlicheren Regionen der Arktis bleibt es dabei mittags zumindest hell dämmrig, in der hohen Arktis ist hingegen zumindest um die Wintersonnwende herum rund um die Uhr richtig Nacht – eine faszinierende Erfahrung, die bisher noch nicht viele Mitteleuropäer im Gegensatz zur Mitternachtsonne miterlebt haben.
Für die Natur bedeuten diese extremen saisonalen Lichtunterschiede eine große Herausforderung, die zusammen mit dem extremen Klima die relative Artenarmut der Arktis erklärt: nur vergleichsweise wenige Arten haben Wege gefunden, insbesondere die dunkle und kalte lange Winterperiode zu überstehen, und sei es durch weite Wanderungen nach Süden.

Nordlicht
Nicht auf die Arktis beschränkt, dort jedoch besonders intensiv, ist das Polarlicht (im Norden Nordlicht genannt), das von Sonnenpartikeln herrührt, die, vom Erdmagnetfeld in Richtung Pole abgelenkt, vor allem nah an den Polen mit den obersten Atmosphärenmolekülen kollidieren und dadurch die Leuchterscheinungen hervorrufen. Polarlichter treten ganzjährig auf, können wegen ihrer geringen Intensität jedoch nur bei Dunkelheit beobachtet werden. Die stärkste Nordlichtintensität findet sich in einem Gürtel zwischen etwa 65ºN und 75ºN, wobei noch nördlichere Standorte dafür im Winter den Vorteil der Beobachtungsmöglichkeit rund um die Uhr haben, da es etwa in Longyearbyen im tiefen Winter durchgehend dunkel genug ist.

Klima
Entgegen landläufiger Meinung ist die Arktis nicht die kälteste Zone der nördlichen Halbkugel, da ihr Klima durch Meereseinflüsse etwas abgemildert wird. Arktische Tiefsttemperaturen können etwa im kanadischen Inland ausnahmsweise unter -60ºC fallen, während im Innersten Sibiriens deutlich südlich der Arktis der Kälterekord bei -77,8º C liegt. In nah am Meer liegenden arktischen Regionen, besonders in der europäischen Arktis mit restlichem Golfstromeinfluß sind winterliche Extremtemperaturen unter -40ºC selten. Entscheidender für den Besucher ist in der Regel der Wind: -10ºC bei Sturm in der in der Regel wenig Schutz bietenden offenen Landschaft sind durch die verstärkte Auskühlung weitaus gefährlicher, als -40ºC bei Windstille.
Ein weiterer Irrtum ist, daß die Arktis sehr schneereich und ganzjährig schneebedeckt ist. Tatsächlich zeichnet sich die Arktis in den meisten Bereichen durch geringe Niederschläge aus, und das Land taut zumindest in tiefen Lagen während des kurzen Polarsommers überwiegend frei, soweit nicht von Gletschereis bedeckt. In der höchsten Arktis sind die Niederschläge oft sogar so gering (Kältewüsten), daß sich dort nicht einmal Gletscher halten können, etwa in großen Teilen des nördlichsten Grönlands.

Permafrost
In Regionen, in denen die durchschnittliche Jahrestemperatur unter 0º C liegt, bleibt der Boden oft das ganze Jahr über in der Tiefe gefroren, da die sommerliche Wärme die Wärmeverluste des übrigen Jahres nicht ausgleichen kann, sondern nur die oberste Bodenschicht für eine kurze Zeit auftaut und damit höheres Pflanzenleben erlaubt. Die darunterliegende, ständig gefrorene Bodenschicht kann in Extremfällen über 1000 m in die Tiefe hinabreichen, bis sie durch die Erdwärme von unten her eine Grenze findet. Permafrost findet sich praktisch in der gesamten Arktis und Antarktis, allerdings auch darüber hinaus, etwa in nichtarktischen Hochgebirgen, oder vor allem unter großen Teilen der borealen Wälder im Landesinneren Sibiriens und Nordamerikas.
Permafrostböden haben, obwohl oberflächlich zunächst oft nicht erkennbar, eine Reihe von besonderen Eigenschaften und teils spektakulären Erscheinungen (etwa auffällige Muster durch Frostbewegungen). Schmelz- und Niederschlagswasser kann wegen des Frostes knapp unter der Bodenoberfläche nicht in die Tiefe versickern, was trotz geringer Niederschläge zu oft nassem Gelände einschließlich teils tückisch getarnter Morastflächen führt. Insofern kann spezielle Erfahrung mit diesen Bedingungen wichtig sein.

Tier- und Pflanzenwelt
Die extremen Bedingungen der Polargebiete, insbesondere der weitgehende Stillstand der Pflanzenwelt über die lange dunkle Zeit, erfordern von den hier existierenden Arten oft besondere Anpassungen, die zumindest an Land nur relativ wenigen Arten gelungen sind. Die Polargebiete zeichnen sich daher an Land durch relativ geringe Artenzahl aus, allerdings sind dafür einige Arten, bei den Wirbeltieren insbesondere etwa einige Alkenarten, extrem individuenreich. Die relative Artenarmut macht die polare Natur anfälliger gegen Veränderungen, auch durch menschliche Eingriffe. Die Vielfalt in arktischen Meeren, zumindest soweit diese nur zeit- oder teilweise von dickem Eis bedeckt sind, ist oft deutlich größer und nicht selten ist das spärlichere Leben an Land zusätzlich noch stark von der Versorgung aus dem Meer abhängig, etwa durch Nährstofftransfer vom Meer an Land durch Seevögel. Zu den Anpassungen bei den Wirbeltierarten an die Kälte zählt oft eine relativ rundliche und große Körperform, da ein großes, kompaktes Volumen weniger rasch auskühlt, als zierliche Gestalten.
Die uns heute so natürlich-unberührt erscheinende arktische Lebewelt ist in Wirklichkeit seit Jahrzehntausenden genau wie in allen anderen Teilen der Erde bereits vom Menschen mitgeprägt – etwa seinen Anteil am Verschwinden fast aller früheren Großsäugetierarten der Tundra (Mammut, Wollnashorn, Riesenhirsch, Wildpferd, Steppenwisent, etc). Andere Tierarten hingegen profitierten vom Wegfall der früheren Futterkonkurrenten und nahmen dadurch in ihren Individuenzahlen zu. Hierzu gehören insbesondere Rentiere, aber auch einige der heute in ihren Massen so typisch erscheinenden Seevogelarten. Letztere  füllen die durch die jahrhundertelange Dezimierung insbesondere der arktischen Bartenwalbestände entstandene Lücke als Konsumenten von Kleinlebewesen im Meer. Hinzu kommen in jüngster Zeit weitere massive Einwirkungen auf die arktischen Ökosysteme aus benachbarten Regionen, insbesondere durch industrielle massive Überfischung, sowie durch Belastungen des Meerwassers und der Atmosphäre aus den südlicheren Ballungsräumen, die insbesondere in der Zukunft weitere Veränderungen der arktischen Natur verursachen könnten. Insofern ist die heute als Tourist erlebte arktische Natur selbst in abgelegensten Bereichen teilweise ein Ergebnis menschlicher Aktivität, ohne daß dies den meisten Besuchern bewusst wird.


Letzte Änderung: 01.04.2010